Die Freiheit Ich zu sein
• MENSCHsein •
An einem Montag um 15.15 Uhr geht er mir entgegen, direkt zum Rauchervorplatz des Gymnasiums. Tobias Hempler kommt gerade aus der Anwaltskanzlei seines Chefs: Er gibt seiner Tochter Nachhilfe in Mathe. Jede Woche, jeweils zwei Stunden. Die dicke Wolkendecke gibt auch am späten Nachmittag noch keinen Fetzten Himmel frei. Stattdessen fallen die nächsten dicken Tropfen. Der Herbst kündigt sich merklich an. Dem Wetter entfliehend gehen wir auf einen Kaffee zum Bäcker um die Ecke. Zwei Caramelmachiato versüßen die kalten Temperaturen. Tobi lehnt sich zurück und genießt die freie Minute. Die Woche beginnt stressig.
„Meine Mutter würde mich am liebsten umbringen, wenn ich ihr von meinen Plänen erzähle“, beginnt er trocken.
„Für sie ist es unvorstellbar, wie ich für ein Jahr nach Nordirland gehen kann. Oder freiwillig zur Bundeswehr. Erst vor kurzem war ich zur Musterung. Ich will mich verpflichten lassen und ins Krisengebiet gehen.“ Konträrer könnte sein Weg nicht verlaufen. Nach dem Abi will Tobias über den Europäischen Freiwilligen Dienst (EFD) nach Nordirland in die Jugendarbeit. Danach zur Bundeswehr und anschließend studieren. „Vor einem Jahr bin ich über ein Jugendaustauschprogramm nach Belfast geflogen und war überwältigt. Das Land, die Leute und die Kultur haben mich so beeindruckt, dass ich dorthin zurück will“, erzählt er, nicht ganz ohne Wehmut. Kennengelernt habe er dort nicht nur eine ganz besondere Art der Freundschaft.
Auch eine junge Frau. Nur ungern gibt er die leise Hoffnung zu, sie dort wieder zu sehen. „Im Moment bewerbe ich mich bei verschiedenen Organisationen in Nordirland. Dort will ich mit Jugendlichen zusammenarbeiten, am liebsten im Bereich Erlebnis- und Sportpädagogik.“ Er freut sich auf das, was kommt. In Deutschland hält ihn nichts mehr. „Die wahren Freunde kommen mich auch dort besuchen. Ich beginne einen neuen Lebensabschnitt. Wer weiß, vielleicht bleib ich gleich dort und beginne in Belfast mein Ingenieursstudium“, beschreibt Tobias seine Zukunft. Er habe viele Möglichkeiten, die er ergreifen kann, umso schwerer fällt es zu sagen, wohin ihn die Jahre bringen werden. „Die Bundeswehr bleibt vorerst eine Etappe in meinem Leben. Ich bin käuflich, dass ist der Grund, weshalb ich dort hingehe.“ Das Studium bezahle sich nicht von alleine, so führt er aus. Der Dienst beim Bund gibt ihm das Geld, um sich keine Sorgen um die Finanzierung seiner Ausbildung machen zu müssen. „Ich bin fast 17 Stunden die Woche neben der Schule arbeiten. Da riskiere ich lieber die Kugel im Arsch, als vollkommen ausgebrannt auf dem hohen Level weiterzuarbeiten.“ Trotz des Vorsatzes sehen seine Zukunftspläne ehrgeizig aus. Ein guter Job, Familie und Kinder, vielleicht ein Zweitwohnsitz in Nordirland. Das Geld für ein Auto und Trips über den ganzen Globus sollen der Lohn für seine Mühen sein. „Ich brauche anspruchsvolle Arbeit. Ich will Spaß an dem haben, was ich mache und gebe dafür den Willen überdurchschnittlich zu arbeiten.“ Einen Ausgleich sieht er im Reisen. Das ständige Fernweh drücke sehr das Gemüt. Am liebsten würde er jedes Wochenende einen anderen Staat der Erde entdecken. Zu den Träumen gesellen sich aber auch Ängste. Die Brisanz in Afghanistan ist ihm durchaus bekannt. Umso größer ist die Furcht, verletzt von dort wiederzukommen. Oder alleinstehend zu bleiben. Obwohl erst neunzehn, sieht Tobias im Moment den Zeitpunkt, einen Schnitt zu machen. Er will mehr an sich denken, egal wie egoistisch das klingen mag. „Irgendwann hat man keine Kraft mehr. In Nordirland werde ich ein geregeltes Leben haben. Ich werde sechs Stunden am Tag arbeiten sein, was gegenwärtig traumhaft wäre. Den Aufenthalt dort sehe ich als etwas ganz Spezielles und nur für mich an. Dort kann ich mich regenerieren“, sagt der Helfer in einer Rechtsanwaltskanzlei, Mitarbeiter im Kletterwald, Feuerwehrmann, Rettungsschwimmer und Jugendarbeiter. Nordirland ist für ihn Freiheit und Sehnsucht zugleich. Ob nun begründet in der Mystik der Giants Caustway oder den Gedanken an das Mädchen in Belfast behält er für sich.
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Name: Sophia Wilk


Mein Bursche ist gerade die ersten Meter gelaufen. Solche Momente sind echt unvergesslich! Leider wird der Kleine viel zu schnell groß.