Carpe diem
Oder: Warum der Mensch verlernt hat, glücklich zu sein.
• WIRsein •
„Ich fühle, also bin ich“.
Wir Menschen sind sonderbar. Einerseits versuchen wir, die Welt zu rationalisieren. Ganze Epochen widmen sich der Aufgeklärtheit des Geistes. Wir schärfen den Verstand und preisen die hohe Kunst des Denkens. Doch bei allem Intellekt und Scharfsinn sind wir stets auf der Jagd nach dem einen Goldschimmer, der wie Honig unser Seelenheil zusammenhält und der Hoffnung Psyche ist. Diesem einen Gefühl: Glück. So intensiv spürbar und doch in keiner Form gleichkommend beschreibbar. Wir streben in unserem Wesen einen ausgefüllten Tag entgegen. Wir wollen den Tag nutzen und wünschen uns einander in Adaption an „carpe diem“, ihn gar so zu leben, als wäre es der Letzte.
„Carpe diem“ ist zum Leitspruch einer ganzen Generation geworden. Wellnessprodukte, Ratgeber, Altersheime: Horaz Zitat ist Zierde einer aufkeimenden Mentalität des Perfektionismus. Nicht nur die unübertreffliche Schönheit soll unser sein. Nicht allein die ewige Jugend ist Quell von Ansehen und Seligkeit. Wir wollen mehr. Denn wir streben nach dem großen Glück. Unsere Unmündigkeit im Gefüge der Makellosigkeit schulden wir anorexischen Models und dem Leistungswahn der Globalisierung. Im Zahnrad der Miesere bleibt das kleine Individuum hängen, dass doch besten Gewissens nur den Tag nutzen will. Das kleine Wesen, das nicht das Große vollbringen will, vielleicht ja nur einen Happen Glück vom großen Kuchen der Fortuna beißen möchte. Wir merken gar nicht, wie die Erfüllung mit jedem erreichten Bissen weiter nach oben steigt und sich unseren Händen entzieht. Irgendwann ist das Glück nicht mehr erreichbar.
Sind die Tag, die ausschließlich und vollends im Positiven enden, wahrlich genutzte Tage? So genutzt, als wären es die Letzten gewesen?
Wollen wir den Tag lieben, so müssen wir die Nacht verehren. Wollen wir das Weiß sehen, so müssen wir das Schwarz akzeptieren. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Wo Liebe sich niederlässt, ist Leid. Das Endliche macht das Leben lebenswert. Wenn wir nur dem Glück entgegensehnen werden wir nie die volle Pracht eben von jenem Hochgefühl aufsaugen können. Der Schmerz ist der beste Lehrer zum Vergnügen. Lassen wir die Melancholie zu und „nutzen die Nacht“, so breiten wir uns aus für das Auf und Ab des Lebens, das mit seinen Samen Früchte des Glückes auf nährbaren Boden sähen wird. Verfallen wir aber dem Werk der treibenden perfekten Gesellschaft und eifern Monate ohne Kummer nach, werden wir dem Leben fortan einen Schritt hinterher lahmen. Wir nutzten den Tag, aber nicht endliche Sein. Ein Leben in Glückseligkeit ist ein Leben ohne Charakter. Die Vielfalt zeichnet uns aus. Tagtäglich schreiben wir an einem Buch, dessen Autor wir zwar sind, es jedoch nie als Leser erleben werden. Lassen wir daher als Epilog in Eleganz stehen: Ich lebte mein Leben.
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Tags: Alltag, auf und ab, carpe diem, denken, Essay, Gedanken, glück, kummer, leben, leid, Rosa, Tod, weltsicht


Name: Sophia Wilk


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