Mein Heim, der Wagen
• MENSCHsein •
Es ist kalt und es war dreckig. Die Leute in der Nachbarschaft sind fast alle ein wenig „verrückt“. Warmwasser? Fehlanzeige. Geheizt wird mit Holz und Holzbriketts. Seit September wohnt die Exhartmannsdorferin Judith Kühne in einem Wagendorf unweit vom Zentrum Berlins entfernt.
Derzeit macht sie ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) beim Obdachlosenverein „mob e.V.“. Dazu gehört unter anderem auch die Arbeit in der Redaktion des „Strassenfegers“. Da man mit 230 Euro im Monat keine Wohnung finanzieren kann, und ein WG-Leben nichts für sie ist, hat sich Judith entschlossen, diesen doch etwas ungewöhnlichen Wohnort dem Luxus vorzuziehen.
Sie ist alternative und fühlt sich selbst als „Antispiesser“. Mit ihrer Entscheidung stieß sie des Öfteren auf Verwunderung. Wenn man Judith besucht, trifft man auf ein einzigartiges Durcheinander, auf streunende Hunde und Katzen und das nette „Hallo“ der Nachbarn. Die meisten im Wagendorf sind arbeitslos. Doch freundlich sind sie alle. Mit einer geliehenen Fahrradpumpe wird der Drahtesel für den Weg zur Arbeit fit gemacht. Im Haus der Obdachlosenhilfe wühlt sich Judith gerade durch die Buchhaltung. Zwischendrin bleibt Zeit für ein Gespräch mit den Obdachlosen. Unterschiedlich sind die Gründe, auf der Straße zu leben. Einige machen es aus Freiwilligkeit. Sie wollen in keiner Abhängigkeit zum Staat leben. Andere, weil sie hilflos sind. „Die Sichtweisen haben sich mit der Arbeit geändert. Einzelschicksale bewegen. Die Probleme anderer werden unterschiedlich wahrgenommen“, erzählt Judith, die selbst ein wenig mit den Schwierigkeiten der Obdachlosen zu kämpfen hat.
Ein bisschen unwohl ist ihr schon bei dem Gedanken an den Winter. „Morgens ist es unglaublich kalt. Die Wärme hält sich nicht lange im Wagen“, erzählt Judith. Zum Warmduschen fährt sie zum Freund einer Freundin oder nach Hause. Man lernt mit den Gegebenheiten umzugehen. „Bevor ich im Wagen wohnte, hatte ich eine Lehmhütte. Hier waren öfters Ratten zu Besuch.“ Was für die einen unvorstellbar ist, war für Judith ein Schritt in Richtung Selbstständigkeit. So freut sie sich umso mehr über den Komfort am Wochenende, wenn sie zu Hause bei ihrer Familie ist. „Mir wurde deutlich, wie groß die Vorurteile gegenüber Obdachlosen sind. Das hat mir auch bei meiner Arbeit geholfen.“ Irgendwann einmal würde sie am liebsten in Kreuzberg wohnen. Eine Altbauwohnung könnte ihr gefallen.
Am Ende, erzählte Judith, vermisse sie nicht die Bequemlichkeit, sondern am meisten ihren Freund, der noch in Lübben wohnt.
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Name: Sophia Wilk


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